Kopf hoch ist gesünder

Juni 2016

 

Man trifft das Phänomen überall an. Mediziner haben sogar schon einen Begriff für dessen schädliche Folgen gefunden: der Smartphone-Nacken. Mit nach vorne gebeugtem Kopf und nach unten gerichtetem Blick scheinen viele Menschen schon eine Art Symbiose mit ihrem Handy einzugehen. Die gesunden Alltagswahrnehmungen und unsere Feinsinnlichkeit bleiben auf der Strecke, die Achtsamkeit für den Moment, in der die Erholung liegt, wird so nicht mehr gelebt. Die Achtsamkeit betrifft Situationen, in denen wir uns entspannen können, einfach nur schauen und erleben, was in unserer Umwelt gerade passiert. Wir nehmen mit allen Sinnen wahr, wir sehen, spüren und hören.

Das können Bilder der Natur sein, das können spielende Kinder sein, das kann eine spontane Kontaktaufnahme zu bislang unbekannten Menschen sein und ein bereicherndes Gespräch. Hier liegt die Erholung und das Gesunde im Alltag, nicht vornüber gebeugt beim Verfassen oder Lesen von Nachrichten auf dem Handy.

 

Letzteres bindet eine Menge Energie und sorgt für mentalen Stress: Hat der/die andere verstanden, was ich geschrieben habe? Auf eine Rückantwort kommen erneut vier andere Nachrichten, dann scheint die Korrespondenz vielleicht beendet zu sein, aber mental halten wir an dem Dialog mit zumeist schlechter, weil hastig geschriebener Satzbildung fest. Die Folge hieraus ist, dass wir uns den Alltagsanforderungen privat wie beruflich nicht mehr adäquat stellen können. Wir werden unruhig, ja sogar hektisch in unseren Bewegungen, nehmen die Außenwelt nur noch unvollständig wahr, weil wir auf das virtuelle Call-and-Response-Verhalten reduziert sind. Wir verbrennen uns quasi selbst.

 

Keine Frage - das Rad der digitalen Revolution lässt sich nicht mehr zurückdrehen, Instrumente wie Smartphones sind heutzutage nicht mehr wegzudenken und oft eine große Hilfe. Aber es kommt eben immer darauf an, wie sich ein wirklich konstruktiver, also immer auch gesunder Umgang mit der digitalen Welt umsetzen lässt.

 

Ein Beispiel: Ich war mit meinem Patenkind Emma im Schwimmbad, sie ist dreieinhalb Jahre alt. Emma geht nicht ganz so gerne in den Schwimmkursus, weil sie Angst vor dem tiefen Wasser hat. Deshalb muss man die Kleine vorher etwas beruhigen und das Ganze spielerisch angehen.

 

Als wir jüngst das Schwimmbad betreten hatten, bemerkte ich eine Hektik seitens vieler Eltern bzw. Erwachsener beim Umziehen ihrer Kinder. Schnelle, hastige Bewegungen, Straßenkleidung aus, Badeanzug hurtig an, zack zack. Emma ist sehr intuitiv veranlagt, und sie beobachtet ihre Umwelt sehr genau. Ich merkte, wie diese Unruhe auf sie übersprang.

 

Alle Erwachsenen hatten ihr Handy die ganze Zeit in Griffnähe, ob in der Umkleidekabine oder nachher, als sie auf den Holzbänken neben dem Becken saßen. Sie waren aufmerksamkeitstechnisch also halb bei ihrem Kind, halb bei ihrem Smartphone. Die Eltern konnten sich somit gar nicht voll auf die Situation einlassen und das Kind hier schon beruhigen vor dem aufregenden Ereignis, das so ein Schwimmkursus für sie nun mal ist.

 

Das Kind hat keine Abwehrmechanismen gegenüber diesen Reizen, sondern empfindet das Handy und die damit verbundenen Überreizungen der Erwachsenen als normal. Es wird dies aber als Lernmuster in sein Selbstverständnis im Laufe seiner weiteren Sozialisation integrieren.

 

Sobald die Kinder von der Schwimmtrainerin in ihre Obhut genommen worden waren, begannen all die Eltern mit ihren Handys zu hantieren. SMS und E-Mails wurden verschickt, Facebook-Nachrichten gecheckt und sofort beantwortet. Ständig vornüber gebeugt hatten die Eltern ihre Kinder größtenteils aus dem Blick verloren. Nur partiell blickte der Eine oder die Andere auf und in Richtung Becken, um dann gleich wieder in die digitale Welt abzutauchen. Ab und zu wurde ein schnelles Foto gemacht, was dann gleich digital verschickt wurde.

 

Interessant war übrigens auch zu sehen ist, dass manche Kinder aus dem Wasser wollten und am Beckenrand hingen und ein besonderes Exemplar von Vater gar nicht gewillt war, sein Kind aus dem Wasser zu nehmen. Eine der Mütter wiederum ignorierte die Signale ihres Kindes, das zum wiederholten Male auf die Toilette musste. Indem sie immer wieder auf ihr Handy blickte, schien sie das Kind beschwören zu wollen: Du musst nicht auf die Toilette, Du musst nicht auf die Toilette! Wie fühlt ein Kind sich in dieser Situation? Die Antwort überlasse ich Ihnen.

 

Im Grunde haben diese Eltern Momente im Leben ihres Kindes verpasst, die so nicht mehr wiederkommen werden. Dann bleiben allenfalls ein paar hastig aufgenommene Fotos im Handy, die an diese Situation in dieser Lebensphase erinnern.

 

Nachhaltig gesund können wir nur leben, wenn wir unseren Alltag überdenken und die schönen Augenblicke, von denen es eine Menge gibt, nicht achtlos verstreichen lassen.

 

Mein Tipp: Konzentrieren Sie sich in der digitalen Welt auf das Wesentliche. Notieren Sie Dinge, die sie digital versenden wollen, handschriftlich mit einem Stichwort. Das hilft beim Konzentrieren auf das Wesentliche und beim Erinnern der Inhalte. Anschließend verschicken Sie eine prägnante Nachricht. Sie werden es spüren: Sie leben so gesünder und sind effizienter, ob privat oder beruflich.

 

Handynutzung pro Tag / SMS:

  • Während der Autofahrt (Achtung strafbar)                         _____ (1-100%)
  • Während der Arbeit                                                                 _____ (1-100%)
  • Im Café / Restaurant                                                               _____ (1-100%)
  • Während der Kinderbetreuung                                             _____ (1-100%)
  • (Beaufsichtigung Spiel und Sport)
  • In geselliger Runde (Freunde, Familie)                                 _____ (1-100%)
  • In ihren persönlichen Pausen                                                _____ (1-100%)

Gesamtprozente = Selbstwahrnehmung oder Selbstbetrug in _____ (% Gesamt)

 

 

Liegen Ihre Werte über … %, ziehen sie selbst ihre Schlüsse hieraus zum Thema:

  • Erholung
  • Herzhafte Kindererlebnisse
  • Mentaler Stress / Gesundheit

Dokumentieren Sie nach der Auswertung wie hoch Ihre Chancen sind (in %), dass sie mit der vorbenannten Auswertung eine konstruktive Veränderung bei sich selbst bewirken.