50 plus - Es gibt ein Leben vor der Rente

Ab der Geburt beginnt das Älterwerden. Krankheiten und Schicksalsschläge gehören zum Leben der Menschen dazu. Wie wir damit umgehen, wird von unserer Biografie, genauer gesagt von unserer Familiengeschichte und den darin vermittelten Werten und Normen stark mitbestimmt. Schicksalsschläge und auch Mangel können unsere Lebensenergie beeinträchtigen, aber auch stärken. Denn wenn ich etwas nicht bekomme, muss ich den Mangel mittels meiner inneren Ressourcen auszugleichen versuchen, was oft in einer Stärkung der Menschen resultiert.

 

Von der Natur vorgegebene, weichenstellende Phasen der Entwicklung im Leben des Menschen sind etwa die Pubertät und die Wechseljahre, mit zum Teil sehr drastischen körperlichen und psychischen Veränderungen. Assoziieren wir die Phase der Pubertät gemeinhin mit dem Prozess der Reifung, so sind die Wechseljahre indessen mit der Vorstellung des beginnenden Verfalls belegt. Die Betroffenen unterwerfen sich zumeist dieser Deutung und sehen diese Phase der Veränderung als Schwächung oder Verlust an: „Ich kann nicht mehr so wie früher.“ Der Mythos Alter und die damit verbundene Selbstsuggestion beginnen zu wirken.

 

In unserer Gesellschaft herrscht die Vorstellung, das wir bei zunehmenden Alter mit ständig abnehmenden Fähigkeiten und Ressourcen zu kämpfen haben. Allenthalben lauert der Verfall: Die Sinne lassen nach, der Körper wird von abnutzungsbedingten Schmerzen gebeutelt, die Kreativität schwindet, das Erinnerungsvermögen auch. Beruflich wird also ein ständig fortschreitendes "Berg ab" skizziert. Ein Zugewinn an Fähigkeiten und erlernten Fertigkeiten ist hier nicht vorgesehen.

 

Nun mag es in der Tat gewisse Eigenschaften geben, die im Laufe eines Berufslebens nachlassen. Dafür aber ist eine Zunahme an anderen erlernten/geschulten/durch Erfahrung gewachsenen Fertigkeiten zu verzeichnen. Das ist ein nicht zu unterschätzendes Potenzial!

 

In unserer digitalisierten, reizüberfluteten Lebenswelt erleben viele Menschen heute eine mentale Erschöpfung, die zu körperlichen und psychischen Krankheiten führen kann. Dieses Phänomen ist allerdings nicht auf Menschen jenseits der 40 oder 50 beschränkt. Es ist nicht immer eine reine Alterserscheinung. Dennoch wird es von vielen, auch von manchen Experten, so gedeutet. Die Liste solcher negativen Phänomene, die dem Älterwerden zugeschrieben werden, ließe sich problemlos fortsetzen. Es kommt eben immer auch auf die Deutung an.

 

Einem 35-jährigen Mann, der beim Einkaufen vergisst, den benötigten Kaffee zu besorgen, wird gemeinhin stressbedingte Vergesslichkeit oder Zerstreutheit attestiert. Vergisst aber ein 65-Jähriger etwas beim Einkaufen zu besorgen, wird schon die Alarmglocke geschlagen. Dann ist von beginnender Senilität die Rede. Oft kommt noch ein joviales „Naja, in deinem Alter...“ hinterher.

 

Der gesellschaftliche Blick und die Kraft der Suggestion sind bei der Betrachtung des Alters maßgeblich. Ich habe neulich eine Gruppe Wanderer in einem Ausflugslokal belauscht. Die Damen und Herren waren geschätzt alle im Alter um die 50 Jahre. Sie saßen beisammen und referierten beim Essen darüber, welche Anzeichen des Alters sie neuerdings so an sich zu bemerken meinten.

 

 

Da hieß es zum Beispiel: „Schatz, ich muss dringend zum Optiker, mit dieser Brille sehe ich nicht mal mehr auf den Boden des Suppentellers. Auch die Speisekarte ist ganz verschwommen.“ 

 

„Mein Rücken bringt mich noch um. Aber soll ich mich in meinem Alter noch operieren lassen?“ „Mein Arzt meint ja, ich solle es deutlich langsamer angehen lassen.“ 

 

„Also ich lasse so langsam ausrollen, was meinen Job angeht.“ 

 

„Lasst euch nicht stören, ich nehme nur rasch meine Augentropfen.“ 

 

„Ich sage nur BU, ich habe mich genug geplagt.“ 

 

Diese Liste der zumeist von tragikschwerer Geste und Mimik begleiteten Sätze kann jeder selbst fortsetzen.

 

 

In diesem Club der eingebildeten Kranken kam die oben benannte Suggestion voll zum Tragen. Diese Form der Selbstsuggestion ist mir allerdings schon häufiger begegnet. Allenthalben habe ich es mit Leuten zu tun, die sich alt und krank reden. Und jedem, der das 49. Lebensjahr absolviert hat und ein Zipperlein an sich entdeckt und dieses kundtut, schallt ein fröhliches „Willkommen im Club“ entgegen.

 

Wenn ich mit solcherart Betroffenen arbeite, kann ich deren verschobene Vorstellungswelt meist durch einen methodischen Abgleich mit der Realität wieder korrigieren und ihnen neue vitale Lebensperspektiven aufzeigen. Etwas salopp ausgedrückt: Der Lack ist längst noch nicht ab, nur weil die 50 überschritten wurde. Es kommt auf unseren Umgang mit unserer Vitalkraft an.

 

Dazu braucht man keine tausend Tütchen und Cremes mit Anti-Aging- oder Repair-Effekt. Dazu braucht man keine Mitgliedschaft in der Gruppe „Yoga für Ältere“ zu unterschreiben. Und stapelweise Bücher zum Thema Gedächtnistraining braucht man dazu auch nicht. 

 

Was man braucht, ist vielmehr ein Gespür für sich selbst, die eigenen Interessen, für das was man ändern sollte und das, was einen auf freudvolle Weise fit hält. Die Festlegung des weiteren Weges sollte aus einer positiven Selbstmotivation heraus geschehen.

 

Oft sagen mir Menschen, mit denen ich arbeite, dass sie weniger Angst vor der Sterblichkeit als vielmehr vor den ganzen unbekannten Umständen und Begebenheiten haben, die in der bevorstehenden Lebensphase auf sie zukommen. Sie schildern, wie sie  häufiger zurückblicken und wie ihnen verpasste Chancen und Gelegenheiten auffalen. Sie durchlaufen einen inneren Konsolidierungsprozess mit der Frage, was sie noch verändern können oder müssen. Einige wagen aus dieser Situation heraus den Sprung in die Selbständigkeit, andere bewerben sich innerhalb der Firma für neue Herausforderungen oder versuchen in ihrer Freizeitgestaltung neue Perspektiven zu gewinnen.

 

Häufig empfinden die Menschen, die in der Mitte des Lebens angekommen sind, eine gewisse Müdigkeit, und zwar körperlich wie auch psychisch. Sie erleben diese Ermüdung als tägliche Last, die sie mit ihrem Gewicht tagesbedingt mal schwerer, mal weniger schwer drückt.

 

Betrachtet man diesen Zustand nun als Herausforderung, dann lautet das Gebot der Stunde stehenzubleiben, um zu spüren, welchem inneren Rhythmus es nun zu folgen gilt. An dieser Stelle bitte ich meine Teilnehmer, alle Ratgeber beiseite zu legen und sich dem inneren Ratgeber zu stellen. 

 

Nun gilt es, die eigenen Kräfte zu zentrieren und in einen Arbeits- und einen Lebensrhythmus zu leiten, sodass die Müdigkeit als handwerkliche, also vom Tagwerk herrührende Müdigkeit empfunden wird, und nicht als kontinuierlicher Erschöpfungsprozess.

 

Den Grenzen unserer Leistungsfähigkeit, die uns jetzt aufgezeigt werden und die wir bislang vielleicht durch „Darüberhinwegarbeiten“ ignorieren konnten, müssen wir jetzt Beachtung schenken. Ich habe viele Menschen erlebt, die an diesem Punkt einfach unbeiirt über diese Grenzen hinaus weitergemacht und dadurch nachweislich einen körperlichen und seelischen Schaden erlitten haben. 

 

Die besagte Müdigkeit, die wir in der Mitte des Lebens erfahren, resultiert oft schlicht aus unterdrückten Müdigkeitsphasen in der Vergangenheit. Sie sind demzufolge nicht unbedingt ein Phänomen des Alters 50 plus. 

 

In meinen Seminaren lasse ich die Teilnehmer meist ihre persönliche Energiekurve aufzeichnen – eine Linie in einem simplen Diagramm, die anzeigt, wie die Energie über die Stunden des Tages verteilt ansteigt oder abfällt. Die Teilnehmer müssen dabei ein Gefühl für sich entwickeln und sich fragen: Wie ist mein Energieverlauf zwischen dem Aufstehen und dem Zubettgehen. An welchen Stellen verliere ich Energie und wo tanke ich auf? Durch eine Pause? Alleine? Durch eine Tasse Kaffee, einen Spaziergang oder ein Gespräch? Durch eine Zigarette? Geben mir meine Freizeitaktivitäten Energie, das Spiel mit den Kindern, der Sport oder Musikhören? 

 

Den Beginn des Lebensabschnitts 50 plus erleben die Menschen oft als sehr einschneidend. Die eigene Lebensphilosophie wird auf den Prüfstand gestellt und bestenfalls weiterentwickelt, manche versuchen alles Alte loszulassen, sich von gewohnten Dingen, Aktivitäten oder Strukturen zu trennen. Manchmal fällt auch die Partnerschaft darunter oder es erfolgt eine berufliche Neuorientierung, die Zelte werden am angestammten Platz abgebrochen und an neuer Stelle aufgebaut. Das ist allerdings - genau besehen - kein Verhalten, das die Menschen nur ab der Mitte des Lebens an den Tag legen.

 

Die Wechseljahre der Frau und die Midlife-Crisis des Mannes beschreiben einen Zustand von Stimmungsschwankungen, Grübeleien und innerer Unsicherheit, die mit einschneidenden Erlebnissen einhergehen. Die körperlichen Stoffwechselveränderungen werden von den Betroffenen ganz unterschiedlich erlebt. Manche weisen extreme physiologische Begleiterscheinungen auf, andere wiederum haben mit gar keinen Beschwerden zu kämpfen.

 

Aus der aktiven Auseinandersetzung mit der Lebensphase 50 plus sollte kein Aktionismus erwachsen. Dogmatismus und Verbissenheit sind kontraproduktiv. Wir alle kennen solche Beispiele: Menschen, die abends erschöpft von der Arbeit kommen und sich auf dem Heimweg schon unter Druck gesetzt haben, jetzt noch zehn, besser noch 15 Kilometer zu laufen. Diese Läufer haben einen „harten“ Laufstil, sie erscheinen trotz der Bewegung verkrampft, fast statisch, und sie stressen sich ungemein.

 

Sich seinen eigenen Bedürfnissen zu stellen, hat nichts damit zu tun, sich nichts abzuverlangen. Hier ist nicht von Laxheit die Rede! Denn der gesunde innere Rhythmus, den es zu finden gilt,  erfordert immer auch eine gewisse Disziplinierung unserer selbst. Oft ist von dem „inneren Schweinehund“ die Rede, der zu überwinden sei, bevor man in die körperliche oder geistige Bewegung kommt. 

 

Wenn mir meine innere Stimme sagt, dass ich heute lieber nur fünf statt zehn Kilometern laufen soll, kann ich den Lauf in Intervalle unterteilen, mit Phasen in denen ich jogge, gehe, mit ganz strammem Schritt marschiere und dabei die Natur mit ihren vielfältigen Sinneseindrücken noch einmal ganz anders erlebe. Dann gebe ich nicht meinem inneren Schweinehund nach, der vermutlich einfach nur auf der Couch liegen will, sondern betreibe Sport in meinem eigenen Rhythmus, was mich erholter macht und mir gesundheitlich auch auf längere Sicht zuträglich ist.

 

Auch in einem gesunden Lebensrhythmus sind wir nach Erledigung unseres Tagwerks müde, aber nicht erschöpft in der Form, dass wir zu kaum mehr Antrieb haben als mit der Fernbedienung in der Hand auf der Couch zu liegen und uns mit bunten Bildern berieseln zu lassen.

 

Spätestens jetzt werden Sie gemerkt haben, dass Sie keine Bücher über Gehirnjogging brauchen und nicht Dutzende von Sudokus am Tag lösen müssen, um auch geistig fit und in Bewegung zu bleiben. Stattdessen sollten Sie im Alltag ihre Vorstellungskraft und Intuition spielen lassen. Wenn Sie durch die Stadt gehen und ein schönes Gebäude sehen, können Sie sich fragen, wie wohl der Architekt dazu aussieht, welchen Ansprüchen er in dem Projekt gerecht werden musste, ob der Baustil eine ganz individuelle Note hat, wie lange wohl die Bauzeit betrug oder wieviel Menschen dort täglich ein und ausgehen. Sie werden sehen, das macht nicht nur Spaß, das beflügelt auch ihren Geist und hält ihn geschmeidig. Das geht überall, z.B. auch im Hotel: Was könnte man aus dem Schmuckstück machen, welchen Grund hat der Herr an der Rezeption wohl, so verbissen zu gucken, was könnte man an der Inneneinrichtung verbessern, wie ließe sich der Service optimieren? Anders als beim Lesen von Romanen haben Sie hier die Regie und entwickeln ihre kleinen Geschichten selbst.

 

Und eine dieser kleinen Geschichten, in der Sie selber die Hauptrolle spielen, sollte heißen:

 

Auf dem Weg ins Tal der Hundertjährigen